2015 öffnete Deutschland die Türen für aus dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtete Menschen. Stellen wir uns doch - im Sinne eines Gedankenexperiments - heute einmal vor, es hätte keinen Sozialstaat gegeben, der diese Menschen hätte versorgen können. Was wäre dann geschehen? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen.
Natürlich wären die Menschen aus Syrien trotzdem irgendwann da gewesen.
Sie wären auf den Strassen herumgestanden, sich an ein paar wenige Habseligkeiten klammernd und für das hiesige Klima ungeeignet gekleidet. Die Deutschen hätten aus ihren warmen Wohnungen heraus durch die Fenster auf sie heruntergeschaut. Und es hätte ihnen bald gedämmert, dass das so nicht weitergehen kann. Dass das nicht sein darf. Nein, die Deutschen hätten die Menschen aus Syrien ganz sicher nicht hungernd in der Kälte stehen lassen. Sie hätten sie früher (oder manchmal vielleicht auch etwas später) zu sich in ihre Wohnungen eingeladen. Nein, nicht wirklich gerne, aber sie hätten es ganz sicher gemacht. Ja, sie hätten dann sicherlich zuerst festgestellt, dass Menschen, die gerne rohe Zwiebeln und viel Knoblauch essen und zudem eine lange, beschwerliche Reise hinter sich haben, anders riechen. Und vielleicht hätten Herr und Frau Schmidt in der Küche leise darüber gelästert. Sie hätten sich vielleicht gefragt, wie sie diese Strafe verdient hätten und warum gerade sie den Krieg im fernen Syrien ausbaden müssten.
Aber man hätte dann trotzdem einige Tage später zusammen gekocht. Und die Deutschen hätten gemerkt, dass syrische Gerichte trotz (oder gerade wegen) den Zwiebeln verdammt gut schmecken. Und am nächsten Tag hätten sie gelernt, dass das das mit der Körperausdünstung überhaupt kein Problem ist, wenn alle Zwiebeln gegessen haben. Und sie hätten bald zusammen Arak-Gläschen im Weissbier versenkt, sich kurz darauf noch schlechter verstanden aber trotzdem viel zusammen gelacht. Zum Beispiel über die kreative Kommunikation mit Händen und Füssen. Die Syrer hätten den Deutschen ein paar Fotos aus ihrer zerstörten Heimat gezeigt und die Deutschen hätten sich ein wenig dafür geschämt, dass sie noch im Vorjahr während dem Tauchurlaub in Hurghada irrwitzige 100 Euros für eine peinliche „authentisch ägyptische Kulturshow“ bezahlt hatten.
Und sie wären mit den Kindern der Syrer in den Zoo und hätten ihnen beigebracht, wie man die Currywurst schön kultiviert durch die dunkelrote Sauce zieht. Oder vielleicht wären auch die Syrer mit den deutschen Kindern in den Zoo und hätten ihnen die gestreiften Hyänen aus ihrem Heimatland gezeigt.
Und Manfred hätte nach einer Woche Tarek ohne viel zu fragen in seine Autogarage mitgenommen, damit er sich dort etwas nützlich machen kann. Tarek hätte dort Pneus sortiert und den Kunden die Reifen aufgepumpt. Und er wäre enorm froh gewesen, dass er nicht mehr grübelnd zuhause rumsitzen muss. Die Syrer hätten schnell Deutsch gelernt und auch die Deutschen hätten bald gewusst, wie man deftig auf Arabisch flucht.
Zugegeben, das wäre sicher alles oft schwierig und mitunter sogar konfliktbeladen gewesen.
Aber sie wären irgendwann ganz sicher Freunde geworden.
Die Syrer wären den Deutschen unendlich dankbar gewesen und hätten sie auch bewundert und viel von ihnen gelernt. Und auch die Deutschen wären den Syrern dafür dankbar gewesen, dass sie an der ganzen Geschichte wachsen durften. Und dass sie vielleicht den einen oder anderen unnötig anstrengenden Aspekt des Deutschseins endlich ablegen konnten. Dass sie dank den Syrern ein Stück weit sich selbst neu erfinden konnten.
Und so würden sie heute zusammen Weihnachten und Fastenbrechen feiern.
Und an denselben Gott glauben. Den Gott, der sie hat Freunde werden lassen.
Und wir hätten heute keine Poller vor den Weihnachstmärkten.
Aber natürlich sind das alles bloss schäumende Träume. Die Deutschen hätten sich all das ja finanziell gar nicht leisten können, weil ihnen, nachdem Sie die Hälfte ihres Einkommens an den fürsorglichen Staat abgeben mussten, dafür gar nicht genug Geld übrig blieb.
Und den Deutschen wurde ja erklärt, dass sich Turnhallen, Container und Zeltlager bestens als Unterkünfte für die Neuen eignen würden. Die Leute wären ja eh schon arm und hätten bei sich zuhause in der Wüste auch nur Zelte. Und man durfte ja die Hilfsbereitschaft des Volkes nicht überstrapazieren, das hätte den Braunen in die Hände gespielt.
Und die Menschen in Deutschland hatten ja auch gelernt, dass sich der Staat viel besser um vom Krieg traumatisierte Menschen kümmern kann als sie selbst. Dass Psychologen, Sozialarbeiter und Psychiater diesen Menschen viel besser helfen können als familiäre Wärme und lachende Kinder. Schon klar: Zuhören und Trösten, das ist Arbeit für echte Profis, das muss man von der Pike auf an der Uni gelernt haben. Also Finger weg, sonst drohen noch Haftungsklagen. Und all diese mit viel Geld ausgebildeten Experten müssen schliesslich ja auch Arbeit und Einkommen haben.
So war der Raum der Möglichkeiten halt leider schon ziemlich gründlich mit allerlei völlig untauglicher staatlich verordneter „Solidarität“ zugemüllt.
Und so ist dann tatsächlich auch alles ganz anders gekommen.
Wir alle wissen heute: insgesamt hat es leider nicht ganz soo super geklappt wie ursprünglich erhofft.
Und jetzt? Haben die blau-weissen Schlümpfe nun nicht völlig rechts, wenn sie sagen, man hätte diese Menschen niemals hierher kommen lassen dürfen?
Natürlich! Jedes Kind sieht das nun sofort ein. Im Nachhinein ist man halt immer klüger.
Allerdings: wenn Deutschland halbwegs unordentlich auf die Flüchtlinge unvorbereitet gewesen wäre, wäre die Geschichte vielleicht auch ganz anders verlaufen.
Aber irgendwer hat‘s leider gründlich verbockt. Schon lange lange bevor die Menschen aus Syrien kamen.
Der Faschismus ist ein saprophytischer Giftpilz, der auf verwesenden, ja eigentlich schon tot geborenen, aber wider alle Vernunft trotzdem umgesetzten bescheuerten Ideen leider immer üppiger gedeiht.
Er ernährt sich letztlich vom Misstrauen der Menschen in den Menschen (an sich), das ihm seine erbitterten Gegner immer eifriger zutragen.
Er mästet sich an unseren sich wie Karnickel vermehrenden Ängsten.
Das macht mir Angst, jeden Tag.
Bild: Emilian Robert Vicol auf Pixabay
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